Wein wird gerne getrunken und auch gerne viel beschrieben. Ähnlich wie neue Kleiderkollektionen auf dem Laufsteg als Trendsetter im Frühling und Herbst die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Modejournale der ganzen Welt davon berichten, schreibt die Weinbranche im Herbst über die Lese und im Frühjahr über die Präsentationen der neuen Weine. Der Wein ist nicht nur vom Wetter abhängig, sondern auch von der gut gemeinten Kritik.
Weintrends
Unter dem Begriff Weintrend + aktueller Jahreszahl findet man, was in der Weinwelt für das laufende Jahr angesagt sei. Keiner redet in dem Zusammenhang von Mode. Häufig wird ein Weinstil erst im Rückblick zu einer Mode erklärt. Der Begriff Mode steht für einen „vorherrschenden bevorzugten Geschmack“. Die internationale Weinbranche versucht genau diesen bevorzugten Geschmack einer weingenießenden Gesellschaft auszuloten und mitzuprägen. Wein-Blogger, Fachjournalisten und Weinhändler zeigen die 5 bis 10 Weintrends des Jahres auf, die Mann/ Frau auf keinen Fall verpassen sollte! Puuuh! Da bin ich als Konsument gefordert ja das Richtige online oder im echten Weinladen zu shoppen. Wie soll denn sonst der Trend auch wirklich zur Mode werden? Jetzt werden Sie sich fragen: Wein wird bitte sehr seit Jahrtausenden aus Weintrauben gekeltert. Was soll sich denn da Jahr um Jahr ändern? Sind meine im Keller gehüteten Flaschen nicht mehr angesagt? Wird das Süßwein-Schätzchen von der Mosel nicht mehr wertgeschätzt, weil es kein Orange Wine ist? Trocken, frisch & leicht in Weiß oder Rosé, prickelnd und auch still, mit wenig oder ganz ohne Alkohol entwickeln sich nachhaltige Weine natürlich in den letzten, mindestens drei Jahren immer weiter vom Trend zur Mode.
Die Entwicklung eines „Weintyps“
Weine stammen meistens aus einem Jahrgang und entwickeln sich häufig in Fass oder Flasche noch jahrelang weiter. Die Entwicklung hin zu „neuen“ Weintypen trägt keine Jahreszahl. Es ist ein Prozess, der mit neuen technischen Möglichkeiten, klimatischen Veränderungen und einer sich wandelnden Gesellschaft einhergeht. Weder die Züchtung und Anpflanzung einer neuen pilzresistenten Rebsorte noch die Erforschung und Anwendung von KI im Weinbau ist eine Sache von nur 365 Tagen.
Damit sich etwas so Traditionelles wie der Weinbau beständig weiterentwickelt, braucht es immer wieder Ideen, frischen Mut und Erfahrung. Winzer, Freaks, Individualisten mit viel Enthusiasmus und Liebe für die Sache schaffen das Paradox. Sie werden mit ihren Lebenswerken nachträglich zu Trendsettern, indem sie sich schon vor Jahrzehnten für biodynamischen oder nachhaltigen Weinbau entschieden, Weinberge alternativ kultivierten und ihre Weine anders vinifizierten als der „Mainstream“. Die Kombination von neuen technischen Möglichkeiten und Erfahrung wird immer weiter der Motor für Veränderung auch in Sachen Wein sein.
Traditionsweine in neuen Kleidern
Dicht aufeinanderfolgend erreichen im Spätherbst, während die neue Ernte in Tanks und Fässern vor sich hin gärt, folgende Nachrichten wissensdurstige Weininteressierte:
„Chianti in Rosé“ „Spumante vom Gardasee als Crémant“ Die neue Generation „Bordeauxweine locker, leicht und fruchtig“
Damit ist rechtzeitig angekündigt, was aus den gelesenen Trauben dann in Flaschen abgefüllt zum Verkauf stehen wird. Einer Genehmigung des Ministeriums zu den neuen Plänen der Chianti DOCG oder Garda DOC steht wohl nichts im Weg.
Tradition steht bei Weingütern und bei alternden Weinliebhabern trotz aller modischen Trends hoch im Kurs. Der Weinabsatz allerdings folgt leider seit Jahren einem Abwärtstrend. Wieso dann nicht Weinklassiker in modische Gewänder hüllen? Wenn Rosés, Crémant und „easy drinking“ Rotweine sich nun schon ein paar Jahre in Folge leichter verkaufen lassen als die teuren Klassiker/ Raritäten dann springt man als Konsortium oder Produzent auf den fahrenden Zug auf. Wie gut, dass Crémant ein ungeschützter Begriff ist, der über Frankreichs Grenzen hinaus Schaumweine, die mittels traditioneller Flaschengärung hergestellt werden, benennen darf. Crémant ist keine Marke, die mit mehrjährigen Rechtsstreitigkeiten wie Prosecco oder Champagner verteidigt wird, und der Name bürgt für Qualität.
Thema Bordeaux: Dem französischen Marketingprofessor und Spezialist in Sachen Kommunikation Jean-Noël Kapferer zufolge, entwickelt sich mit dem Generationenwechsel ein anderes Anspruchsdenken an das Genussmittel Wein: „Der Weinfreund von gestern nähert sich dem Wein über den Kopf. Die Generation Z möchte sofortigen Genuss.“ Dem aufmerksamen Wein-Beobachter wird nicht entgangen sein, dass unabhängig von der viel bemühten Gen Z sich die Bordeaux Stilistik in den letzten Jahren schon hin zu einem anschmiegsameren, leichter verständlichen Typus hin entwickelte. Häufig war die Entscheidung zum Kauf bestimmter Bordeaux Flaschen eine Sache des Geldes und nicht des Intellekts. Das neben der schnelleren geschmacklichen Zugänglichkeit der berühmten Rotweine nun weniger Alkohol und mehr Frucht eine Rolle spielen, mag auch den Absatzschwierigkeiten der Region geschuldet sein. Oder ist es nur die konsequente Weiterentwicklung des bereits beschrittenen Weges?
Wenn aus Trends Mode wird
Wer weiß schon, was in dreißig Jahren rückblickend über die Wein-Mode der 2020er Jahre erzählt werden wird? Wird beschrieben werden wie der Klimawandel Auswirkungen auf die Rebsorten Auswahl hatte? Also, dass autochthone und pilzwiderstandsfähige Rebsorten Einzug in die Weinberge und Weinflaschen hielten? So wie wir heute berichten, dass in den 1990er Jahren Chardonnay, Cabernet Sauvignon und Merlot weltweit die Weinberge bestockten und zu „Global Playern“ aufstiegen? Die häufig auch noch kräftig im Barrique ausgebauten Weine übersättigten den internationalen Markt so zahlreich, dass sich schleichend eine Gegenbewegung zu dieser Mode entwickelte. Der ABC-Trinker („anything but Chardonnay“, wahlweise „anything but Cabernet Sauvignon“) war der breiten, alkoholschweren Weine aus den immer gleichen Rebsorten und des uniformen Stils müde und schaute auf Weine und Weinberge, die die Umwälzung überlebt hatten.
So wie auf lange Röcke kurze folgen, folgten auf die mächtigen Weine in Weiß und Rot dann sehr fruchtige. Im Nachhinein als wahre Fruchtbomben abgeurteilt, konnte es im Weinglas kaum exotisch genug sein. Der Primärfrucht müde, sollte man in darauffolgenden Jahren wieder die Herkunft und die Handschrift des Winzers schmecken. Der Terroir-Gedanke setzte sich durch und die Frucht und Rebsorten betonenden Hefen werden durch natürliche, spontan gärende ersetzt.
Die Rückkehr der Klassiker
Nach den Extremen, wie Wein mit zu viel Holz, zu viel Frucht und zu viel Kellertechnik liegt der Gedanke nahe, harmonische, gut ausbalancierte Weine müssten Weinliebhabern allerorts ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen zaubern.
Kabi
In Deutschland wurde vor einigen Jahren die Werbetrommel für Kabinett Weine gerührt. „Kabinettchen“ sind genau der Typ Wein, der alles mitbringt, was im Trend liegt: Fein, leicht, fruchtig, aus reifen Trauben mit geringem Alkoholgehalt – nur leider nicht ganz trocken. Genau das macht aber das mehr an Frucht und weniger an Alkohol aus und meldet unserem Belohnungssystem im Hirn „lecker“. Die Idee von Winzern und dem Deutschen Weininstitut ein Revival der Kabinettweine zu initiieren, hat leider nicht bis zum Endverbraucher gezündet. So bleibt der Prädikatswein Kabinett nur für seine Liebhaber zeitlos modern und für manchen Winzer ein besonderes Steckenpferd.
Auch die Bezeichnungen Classic auf einem Deutschen Weinetikett lockt nicht mehr unbedingt zum Kauf der Flasche. Classic ist eine definierte Bezeichnung für Qualitätsweine gehobener Qualität aus gebietstypischen Rebsorten. In Italien klingt das „classico“ vertrauenserweckend im Namen mit wie bei Valpolicella Classico oder Chianti Classico. „Classico“ verknüpft Herkunft mit Geschmack.
Leider bleibt unterm Strich in den letzten Jahren immer wieder die Ernüchterung, dass die leckeren, typischen Weine bestimmter Regionen keine großen Durchbrüche bis zum Weinkonsumenten schaffen. Beaujolais oder Valpolicella nur mal so als Beispiel: Sie werden heute mit viel Engagement naturnah, ertragsreduziert, einfach richtig gut hergestellt und kaum einer außerhalb der Weinfachwelt weiß, um die tollen Qualitäten oder kauft gar Weine aus den ehemaligen Massenproduktions-Regionen.
Hierzulande: Landestypische Klassiker wie Riesling von der Mosel, Fränkischer Silvaner, Badischer Grauburgunder, z. B. brauchen keine Erklärung. Egal, ob sich anstelle von Prädikaten, Classic oder Selection nun Bezeichnungen wie Gutswein, Ortswein, Lagenwein durchsetzen, Hauptsache der Wein bleibt typisch, lecker und hat einen hohen Wiedererkennungswert. Insofern machen die Klassiker ihrem Namen alle Ehre. Sie sind zeitlos immer da, ohne viel Lärm und Werbung. Generationen alter Holzfässer in des Winzers Keller sind kostbares Erbgut und werden Jahr um Jahr wieder befüllt. Die jungen, in der Welt herumgekommenen Winzer verbinden Tradition mit neuen Vorstellungen. Sie füllen die geerbten Fässer mit nachhaltig erzeugten Trauben und lassen darin möglichst wenig behandelte Weine in Ruhe reifen. Die vor Jahren „innovative Idee“ vom Pfälzer Riesling in neuen Barriques hat sich auch auf ein dem gewohnten Geschmack entsprechendes Niveau „runter geholzt“. Klassiker vermitteln Harmonie und Beständigkeit in hoher Qualität. Auch wenn der „Kabi“ trotz Engagement bis jetzt kein großartiges Revival erlebt hat, ist er seit Jahrzehnten immerhin teuer gehandeltes Auktionsgut und bleibt zeitlos lecker!
Wie entsteht ein Weintrend?
Rückt ein längst vorhandenes Produkt auf einmal in den Fokus oder entsteht wirklich etwas Bahn brechend Neues und wird zum Trend? Marketing und Medien tragen, wie bei anderen Produkten auch, natürlich wesentlich zu „angesagten“ Trends bei. Und doch hat Wein die ein oder andere Besonderheit zu bieten. Da Rebstöcke langsamer wachsen und Ertrag bringen als z. B. neue Kleider entworfen und genäht werden, entsteht so ein Weintrend über mehrere Jahre, gar Jahrzehnte.
Voraussetzungen
Die Wahl der Rebsorte, die dann für ungefähr 25 Jahre Ertrag bringen soll, ist zum einen eine wirtschaftliche Entscheidung des Weingutes und natürlich auch eine Sache der persönlichen Präferenz des Winzers. Die Gegebenheiten müssen passen, sprich Boden und Klima für die Rebsorte geeignet sein. Die Art der Bewirtschaftung der Weinberge ist eine Entscheidung, die neben der Gesinnung auch u. A. von finanziellen Möglichkeiten und Manpower abhängig ist. Eine Umstellung zum Biologischen oder Biodynamischen Weinbau geht mit Veränderungen im ganzen Betrieb einher. Wie die Trauben dann im Keller verarbeitet werden, ist neben der Gesinnung eine Frage des Geschmacks und natürlich wieder abhängig von den Mitteln und Gerätschaften des Betriebes. Meist bringt ein Generationswechsel frischen Wind in den Betrieb. Der/Die Nachfolger/in gestaltet sich das Umfeld nach den eigenen Wünschen und den aktuellen Trends um. Das erklärt, warum ein Weingut nicht jährlich Trends hinterherlaufen kann, sondern meist die Zeitspanne einer Generation nötig ist, um Veränderungen im Weinberg und Keller wirtschaftlich umzusetzen - und warum z. B. Rosé oder Schaumweine nun schon seit Anfang der 2020er Jahre trendy bleiben. Für diese Weine werden die Trauben schon im Weinberg und später im Keller anders bearbeitet.
Henne oder Ei, was war zuerst da?
Weintrends entstehen aus Gegebenheiten, daraus entwickelten Ideen und der Art der Umsetzung. Was war zuerst da? Der Wunsch pure, reine Weine herzustellen oder die Nachfrage einer ökologisch bewussteren Gesellschaft? Zusammen entwickeln sich Weinproduzent und Weinkonsument an neue Geschmacksrichtungen heran. Orange Weine, die mittels langer Maischestandzeit weißer Trauben entstehen, waren zuerst nur für Weinfreaks lecker. So nach und nach verwenden immer mehr Winzer diese Möglichkeit der Verarbeitung und binden sie teilweise mit in ihre Abläufe ein. Die Methode wiederum ist gar Jahrtausende alt. Althergebrachtes neu interpretiert und dem Zeitgeist angepasst, wird zum Trend. Orange wine, Natural wine, Weine, die spontan vergoren unfiltriert abgefüllt werden, sind keine Nischenprodukte mehr. Sie schleichen sich immer mehr an die Geschmacksknospen der weinliebenden Endverbraucher heran.
Gesellschaft Der Umgang mit Wein unterliegt meines Erachtens sowohl dem soziokulturellem Trend als auch dem Konsumtrend. (Definition zukunftsInstitut, Feb 2022) Die oben beschriebenen möglichst naturbelassenen Weine liegen zunehmend im Trend bei umweltbewussten Verbrauchern. Aber noch andere gesellschaftliche Veränderungen zeigen immer deutlicheren Einfluss auf den Weinkonsum. Auch wenn die Umsatzzahlen von entalkoholisiertem Wein gemessen an dem Gesamtumsatz der Branche noch keine große Relevanz haben (annähernd 2%), so ist der Trend zu alkoholfreien Weinalternativen und entalkoholisiertem Wein seit ein paar Jahren sehr deutlich. Das liegt mit an den veränderten Lebensgewohnheiten der jungen, westlichen Konsumgesellschaft. Medialer Einfluss ist nicht unerheblich. Große Organisationen wie die WHO sorgen mit großen Kampagnen gegen Alkoholkonsum jeglicher Art für Aufruhr. Die schon 2008 vom Weinsektor gegründete Organisation Wine in Moderation (WiM) dagegen macht sich stark für moderaten Weingenuss. Was das Thema Entwicklung entalkoholisierte Weine angeht, folgen die Weinproduzenten der Nachfrage der Konsumenten. Da ist der Trendsetter klar.
Schlussbetrachtung
Weintrends sind keine Eintagsfliegen. Sie sind nichts, dem man hinterherjagen müsste. Wein braucht Zeit während seiner Wachstumsphase, seiner Ertragsphase und seiner Reifephase. Betrachtet man das jährliche Skizzieren von Weintrends über einen längeren Zeitraum erhält man die Dokumentation einer Wein-Generation und Einblick in gesellschaftliche Veränderungen. Sich verändernde Lebensstile prägen auch andere Weinstile aus. Appelle an die Gesundheit und Achtsamkeit im Umgang mit Alkohol stehen nicht im Widerstreit mit moderatem Weinkonsum. Wein bleibt ein beständiger Begleiter der menschlichen Kultur. Mehr dazu unter Wein eine persönliche Betrachtung.
Wo geht die Reise hin?
Ehrliche, gut gemachte Weine werden sich dauerhaft behaupten können. Dabei steht kein bestimmtes Anbaugebiet im Vordergrund. Nachhaltigkeit, ökologisches Wirtschaften und Weine, die es schaffen eine „Beziehung“ zum Konsumenten aufzubauen, vermitteln ein gutes Gefühl. Wein verbindet, ist gesellig und genau diese Emotionen sind wichtig! Freude teilen, Feste feiern und dabei mit einem guten Glas Wein oder Sekt anstoßen. Schaumweine und leichtere Weine aller „couleur“ sind seit ein paar Jahren im Trend und werden es vermutlich noch eine Weile bleiben. Ich denke, der Wunsch nach Nähe, Ehrlichkeit, Leichtigkeit und Klarheit spiegelt sich auch im Wein wider. Gerne kaufe ich einen Wein vom naheliegenden Winzer meines Vertrauens, einen Wein, der mir nicht zu schwer auf Magen und Gemüt schlägt (moderater Alkoholgehalt) und einen Wein, bei dem ich am nächsten Tag keinen „Brummschädel“ habe (saubere Machart).
Zum Glück gibt es davon eine reichhaltige Palette, bei der für jeden Geschmack etwas dabei ist!